Spontane Vegetation in der Stadt – die grüne Verkehrsinsel am Molkenmarkt

In der Mitte von Berlin von finden sich nur noch selten Gebiete, auf denen sich Stadtgrün spontan entwickeln kann. Gelegentlich lassen sich solche Flächen jedoch bei großen Stadtumbau-Projekten oder im Umfeld langjähriger Baustellen entdecken, wie das Beispiel einer kleinen Verkehrsinsel am Molkenmarkt zeigt.

Stadtumbau Molkenmarkt

Im historischen Zentrum gleich hinter dem Berliner Rathaus werden aktuell Straßen verlegt. Der historische Stadtgrundriss soll hier im Rahmen einer städtebaulichen Neuordnung und Nachverdichtung wieder sichtbar werden. Bevor die Bauarbeiten beginnen, werden die Flächen gerade auf archäologische Funde untersucht. Den aktuellen und zukünftigen Strassenverlauf kann man auf der Seite der Stadtwerkstatt sehen, die das öffentliche Beteiligungsverfahren steuert.

Ausgrabungen am Molkenmarkt Archäologische Ausgrabungen am Molkenmarkt im Juni (Foto: C. Hajer)

Die grüne Insel

Südwestlich befindet sich eine kleine dreiecksförmige Verkehrsinsel. Sie ist etwa 30m lang und weist an der breitesten Stelle etwa 15m auf. Sie wird im Rahmen der künftigen Planung weitgehend verschwinden.

Molkenmarkt 3D Die Karte zeigt die Situation vor drei Jahren. Kurz darauf wurden die Bäume gefällt und die Fläche beräumt.

 

 

 

Molkenmarkt 2D Die Karte zeigt die Verkehrsinsel ohne Vegetation

Der Boden des Geländes besteht  aus Sand, durchmischt mit  Trümmerschutt. Teile der Fläche sind mit Gehwegplatten belegt. Zudem gibt es Haufen von gehäckselten Material der gefällten Bäume. Bis auf den Wurzelaustrieb der verschwundenen Bäume war die Verkehrsinsel bis vor 3 Jahren damit weitgehend frei von Bewuchs. Seitdem wurden Samen verschiedenster Arten durch Wind, Tiere, Passanten, vorbeifahrende Autos oder Lieferwagen in die Fläche eingebracht und konnten sich frei entwickeln.

Was hat sich entwickelt und wie sieht es heute aus?

Welche Pflanzenarten und wieviele können sich in der kurzen Zeit ansiedeln und wie hat sich die Vegetation entwickelt?

Molkenmarkt Stadtnatur berlininfo

Blick vom Gehweg in Richtung Nordosten mit Stadthaus (Foto: C. Hajer)

Flora Molkenmarkt Vegetation berlininfo

Blickrichtung Südwesten Nikolaiviertel; verschiedene Langgräser und Rittersporn (Foto: C. Hajer)

 

Die Kartierung nahm etwa 6 Stunden in Anspruch, verteilt auf zwei Nachmittage am 21. und 23. Juni 2020.
Für die weniger bekannten Arten nutzte ich die Apps von „Flora incognita“ und „Naturblick“ des Naturkundemuseum Berlin. Einige Pflanzen konnten dabei nicht zweifelsfrei bestimmt werden und durften ihr Geheimnis behalten.
Der aktuelle Zustand umfasst die klassischen blütenreichen Erstbesiedler, die Boden- und Krautschicht bilden, sowie erste Stauden und junge Bäume als Pioniergehölze.

 

Naturblick App berlininfo

Pflanzenbestimmung mit „Naturblick“ – App vom Museum für Naturkunde (Foto: C. Hajer)

Insgesamt konnten dabei 96 verschiedene Pflanzen festgestellt werden. Zur Einordnung: Für Berlin weist die Gesamtartenliste des Landesbeauftragen für Naturschutz in Berlin 1527 Sippen etablierten Pflanzen auf. Davon sind 304 Neophyten, also Pflanzen, die erst nach 1500 nach Europa kamen.  Folgt man den Angaben des Naturrschutzbunds NABU Berlin, dann gibt es 2.200 Farn- und Blütenpflanzen. Die hohe Zahl von 96 Arten auf der kleinen Fläche war überraschend und beim ersten Hinschauen nicht zu vermuten.

 

pflanzenliste molkenmarkt berlininfo

Ausschnitt aus der Liste der festgestellten Pflanzen (Foto: C. Hajer)

 

Der aktuelle Zustand des Bewuchses umfasst die klassischen blütenreichen Pioniere -verschiedene Kleesorten, Nachtkerzen, Natternkopf oder Kompas-Lattich- die dort die Boden- und Krautschicht bilden, sowie erste Stauden und Pioniergehölze wie Traubenkirsche, Götterbaum und Zürgelbaum.

Würden die Pflanzen dort ungestört 30 Jahre wachsen, hätte man als Ergebnis ein kleines urbanes Wäldchen. In größerem Maßstab kann man das im Naturpark Südgelände oder an den Waldflächen am Park am Gleisdreieck sehen. Früher als Rangierbahnhöfe genutzt, waren diese Flächen vegetationsfrei und konnten sich während der Mauerzeit über Jahrzehnte ohne menschlichen Eingriff entwickeln.

Ein Berliner Forschungsprojekt der Humboldt Universität zu naturnaher Vegetation auf Verkehrsinseln und Mittelstreifen zeigt positive Auswirkungen auf die Artenvielfalt der Fauna, vor allem der Insekten.

Durch angepasstes Pflegekomzept für naturnahe städtische Grünflächen, könnte ein Teil der Artenvielfalt auf der Verkehrsinsel erhalten bleiben.

 

Vegetation Molkenmarkt Flora

Blühpflanzen im Gebiet (Foto: C. Hajer)

Hohe Artenvielfalt und Resilienz

Im Vergleich mit gärtnerisch angelegten Flächen oder naturnah gestalteten Wiesen und Wäldern weisen solche spontan aufgewachsenen Vegetationsflächen allerdings eine höhere Biodiversität auf. Das gilt auch im Vergleich mit Flächen in Brandenburg.
Zudem ist die Widerstandsfähigkeit dieser Pflanzengemeinschaften gegenüber Umwelteinflüssen wesentlich größer. Das gilt auch für Folgewirkungen des Klimawandels wie Wind, Starkregen, Trockenheit, aber auch Schädlingsbefall.

Der neue Dokumentarfilm „Natura Urbana“ von Mathew Gandy und Sandra Jasper von der Universität Cambridge beschäftigt sich ausführlich mit der historischen Entwicklung der Berliner Stadtbrachen seit dem 2. Weltkrieg.

Eine Führung zum Thema „Urbane Wälder in Berlin“ ist in Vorbereitung und wird in Kürze hier auch buchbar sein.